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Wer wird Lehrer? Studie zu Eigenschaften angehender Gymnasiallehrkräfte widerlegt vorherrschende Vorurteile

6. Januar 2015

Ein gängiges Vorurteil lautet, dass nur die mittelmäßigen Abiturientinnen und Abiturienten ein Lehramtsstudium beginnen. Dieses Vorurteil widerlegt nun eine Studie des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN) in Kiel und der Universität Tübingen. Die aktuelle Studie zeigt, dass Lehramtsstudierende an Universitäten zu Studienbeginn gleich gute Lernvoraussetzungen aufweisen wie ihre Kommilitonen anderer Fächer und widerlegt damit die in der Öffentlichkeit und an Universitäten bestehenden Vorurteile, nur die Mittelmäßigen und Labilen würden Lehrer.

Die Studie, die in der internationalen Fachzeitschrift Learning and Instruction erscheint, zeigt, dass bei Gymnasiallehrkräften keine „Negativselektion“ in das Studium stattfindet, also nicht gerade die dümmeren und psychisch labilen Abiturienten das Lehramtsstudium wählen. Die aktuelle Diskussion um den Mangel an hochqualifizierten Lehrkräften, vor allem in den Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT), regte die Forscher an, Längsschnittdaten von mehr als 1.400 Studierenden aus Baden-Württemberg auszuwerten, um die kognitiven und persönlichen Merkmale von Lehramtsstudierenden mit denen von Studierenden anderer Studiengänge zu vergleichen.

Dabei erwiesen sich statt kognitiver Fähigkeiten und Persönlichkeitseigenschaften vor allem soziale Interessen als ausschlaggebender Faktor für die Wahl eines Lehramtsstudiums. In drei entscheidenden Aspekten unterscheidet sich die aktuelle Studie von einem Großteil der bisherigen Forschung: Die Eigenschaften der Studierenden wurden bereits zum Zeitpunkt des Abiturs erfasst, so dass Effekte des Studiums sich nicht in den Werten niederschlagen können. Aufgrund des fachlichen Fokus des Studiums werden nur Lehramtsstudierende an Universitäten mit ihren Kommilitonen anderer Fächer verglichen. Die Forscher unterschieden zwischen Studierenden mit geisteswissenschaftlichen Fächern und Studierenden mit naturwissenschaftlichen Fächern. Dadurch konnte die Annahme widerlegt werden, dass sich gerade im Bereich der Naturwissenschaften aufgrund der höheren Verdienstmöglichkeiten in der freien Wirtschaft eher die schlechteren Abiturienten für den Lehrerberuf entscheiden.

Warum halten sich die Vorurteile so hartnäckig? Ein Grund dafür könnte in der Langzeitauswirkung schlechter Lehrkräfte liegen. Während der Wirkungskreis inkompetenter Personen in der Wirtschaft überwiegend eher gering ist, wirkt sich unzureichende Kompetenz bei einer Lehrkraft über die Jahrzehnte ihrer beruflichen Laufbahn auf viele Tausend Schülerinnen und Schüler aus.


Originalpublikation:
Roloff Henoch, J., Klusmann, U., Lüdtke, O., & Trautwein, U. (in press). Who Becomes a Teacher? Challenging the “Negative Selection” Hypothesis. Learning and Instruction.