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Zuhause lernen: Ratschläge für die häusliche Aufgabenbearbeitung

28. April 2020

10 Hinweise für Eltern zum erfolgreichen Homeschooling

Im Folgenden finden Sie wissenschaftlich fundierte Ratschläge für die Unterstützung von Kindern und Jugendlichen bei der häuslichen Aufgabenbearbeitung.

1) Organisieren Sie den Tag so, dass alle Beteiligten ihre Aufgaben in Ruhe bearbeiten können.

Strukturierung spielt bei der Bearbeitung von Schulaufgaben im häuslichen Umfeld eine große Rolle. So zeigt eine neue Studie am IPN, dass eine gute Organisation des Umfelds und die Bereitstellung eines kompetenzunterstützenden Rahmens, einen positiven Einfluss auf das Hausaufgabenverhalten von Kindern hat (Guill et al, 2020). Dazu gehören klare Regeln zur Aufgabenbearbeitung, die Organisation des Arbeitsplatzes und die Abschirmung von Störungen (Dumont et al., 2014). Mehrere, über den Tag verteilte Lerneinheiten sind dabei oft effektiver, als lange Lernblöcke (d = .65; Hattie, 2020).

2) Lassen Sie Ihre Kinder spüren, dass die Erledigung der Arbeitsaufträge wichtig für das Lernen und für den weiteren Erfolg in der Schule ist.

Eltern sollten ihren Kindern zeigen, dass sie die Aufgabenbearbeitung für wichtig halten. Die wahrgenommene Relevanz einer Aufgabe hat einen Effekt auf das Lernen von Kindern und Jugendlichen (d = .46; Hattie, 2020). Wie motiviert Kinder und Jugendliche in einem bestimmten Fach sind, hängt auch davon ab, inwiefern die Eltern die Relevanz des Faches kommunizieren. So zeigte eine am IPN durchgeführte Studie, dass die wahrgenommene Wichtigkeit, die Eltern dem Englischunterricht beimessen, einen Einfluss auf die Motivation und das Selbstkonzept der Schülerinnen und Schüler im Fach Englisch hat (Köller et al. 2019).

3) Sprechen Sie auch in der ganzen Familie über die Arbeitsaufträge und wie Ihre Kinder sie erledigt haben.

Die elterliche Hinwendung und positive Aufmerksamkeit sind für Kinder enorm wichtig. Sie haben ein starkes Bedürfnis nach sozialer Eingebundenheit, das in der momentanen Situation verstärkt durch die Familie erfüllt werden muss. Forschende der Universität Tübingen konnten zeigen, dass die Ansprechbarkeit der Eltern einen positiven Einfluss auf das Lernverhalten hat (Dumont et al., 2014). Versuchen Sie daher in der Familie eine positive Lernatmosphäre zu schaffen, indem Sie Ihrem Kind und seinen Leistungen eine wertschätzende Haltung entgegenbringen.

4) Denken Sie daran, dass das Kind die Arbeitsaufträge erledigen soll und nicht Sie.

Unterstützen Sie Ihr Kind behutsam, wenn es beim Bearbeiten der Aufgaben nicht weiterkommt. Geben Sie Tipps, aber bitte vermeiden Sie, selbst die Lösung zu erarbeiten. Eine übermäßige Strukturierung kann leicht in Kontrolle umschlagen. Kontrolle meint hier Druck, Aufdringlichkeit und Dominanz der Eltern, was sich negativ auf das kindliche Erleben von Autonomie und Kompetenz auswirken kann. Ein stark kontrollierendes Verhalten der Eltern hat daher negative Auswirkungen auf das Hausaufgabenverhalten und die Motivation (Guill et al., 2020; Köller et al., 2019).

5) Vermeiden Sie Tadel. Fehler gehören zum erfolgreichen Lernen dazu!

Tadel kann sich negativ auf das Erleben der Kompetenz auswirken, wenn Fehler dadurch negative Emotionen auslösen. Um solch negative Emotionen zu verringern, ist ein wertschätzender Umgang mit Fehlern sinnvoll und ein wichtiger und Bestandteil des Lernprozesses (Oser et al., 1999). Auch die Lernmotivation wird dadurch positiv beeinflusst (Hascher & Hagener, 2010).

6) Ermuntern Sie Ihr Kind, dass es die Aufgaben kollaborativ (beispielsweise über soziale Medien) mit den Klassenkameradinnen und -kameraden löst.

Durch die gemeinsame Bearbeitung der Aufgaben mit Klassenkameradinnen und -kameraden hat das Kind weitere Ansprechpartner und das Gefühl der sozialen Eingebundenheit kann erhöht werden, was die Lernmotivation verbessert. Weiterhin kann das Lernen mit Gleichaltrigen das selbstregulierte Lernen unterstützen: Wichtig bei der Selbstregulation sind eine Selbstbeobachtung der Lernaktivitäten und die damit verknüpften Korrekturprozesse. Die Kinder sind beim gemeinsamen Lernen sowohl kognitiv als auch metakognitiv aktiv: Sie wenden Lernstrategien an und überwachen, bewerten und unterstützen sich gegenseitig dabei. Diese Prozesse führen zu besseren Lernergebnissen (Spörer et al., 2008; Tsivitanidou et al., 2018).

7) Fordern Sie von den Lehrkräften ein, dass Ihr Kind individuelle Rückmeldung zu den Arbeitsergebnissen erhält.

Individuelle Rückmeldungen zeigen große Effekte auf das Lernergebnis (d = .64; Hattie, 2020). Die Rückmeldungen sollen laut Hattie und Timperley (2007) drei Leitfragen beantworten: „Was ist das Lernziel?“; "Wo stehe ich?", also eine Rückmeldung, inwieweit die Lernziele bereits erreicht werden konnten; und "Wie kann ich mich verbessern?“. In der Antwort auf die dritte Frage sollte so konkret wie möglich beschrieben werden, welcher Schritt für das Kind als nächstes notwendig wäre, um dem Erreichen der Lernziele näher zu kommen. Wenn alle drei Leitfragen in den individuellen Rückmeldungen beantwortet werden, ist der Lernzuwachs am höchsten und hilft den Kindern, ihre eigene Leistung selbst genauer zu bewerten (Wollenschläger et al., 2016).

8) Achten Sie darauf, dass der Umfang der Arbeitsaufträge aus der Schule angemessen ist (nicht zu viel und nicht zu wenig).

Ein angemessener Umfang der zu bearbeitenden Aufgaben ist insbesondere wichtig, um die Lernmotivation aufrechtzuerhalten. Die Forschung zeigt, dass sowohl Über- als auch Unterforderung Langeweile auslösen können (Acee et al., 2010; Lohrmann, 2008). Langeweile kann sich negativ auf die Lernmotivation auswirken, was wiederum zu negativen Effekten auf die Lernleistung führen kann (d=-.47; siehe Hattie, 2020).

9) Wenn Ihre zeitlichen oder fachlichen Kapazitäten erschöpft sind: Holen Sie sich Unterstützung (zum Beispiel durch Online-Angebote von Nachhilfeinitiativen).

Fehlt den Eltern die Zeit oder ist die Hausaufgabensituation ein Auslöser häufiger Streitereien zwischen Eltern und ihren Kindern (Moroni et al., 2016), können dies Gründe sein, sich Unterstützung durch privaten Nachhilfeunterricht zu holen. Auch wenn die aktuellen Kontaktsperren in der Corona-Krise eine persönliche Betreuung erschweren, gibt es solche Möglichkeiten. So bieten Studierende beispielsweise unter www.corona-school.de ehrenamtlich und kostenfrei Nachhilfe für alle Fächer und Klassenstufen per Videochat an.

10) Wenn zu wenige Aufträge aus der Schule kommen: Nutzen Sie Internet-Angebote.

Auch unabhängig von der aktuellen Situation verstärkt sich die Bedeutung digitaler Lernangebote. Digitales Lernen kann sowohl die Lernmotivation als auch die Leistung verbessern. Ein Überblick über Effekte verschiedener digitaler Lernmethoden findet sich in Stegmann et al. (2018). Die Forschung zeigt moderate Effektstärken für verschiedene Arten des Lernens mit digitalen Medien (d = .33-.51; Hattie, 2020). 

 

Hier eine Auswahl an qualitativ hochwertigen Angeboten für Lehrkräfte, Fortbildende und Eltern zum Lernen und Lehren mit digitalen Medien:

 

Literatur:

Acee, T. W., Kim, H., Kim, H. J., Kim, J. I., Chu, H. N. R., Kim, M., ... & Boredom Research Group. (2010). Academic boredom in under-and over-challenging situations. Contemporary Educational Psychology35(1), 17-27.

Dumont, H., Trautwein, U., Nagy, G. & Nagengast, B. (2014). Quality of parental homework involvement: Predictors and reciprocal relations with academic functioning in the reading domain. Journal of Educational Psychology, 106, 144 – 161. https://dx.doi.org/10.1037/ a0034100.

Guill, K., Bahr, I. & Ömeroğulları, M. (2020). Qualität der Hausaufgabenhilfe in Elternhaus und Nachhilfeunterricht als Prädiktoren des hausaufgabenbezogenen Arbeitsverhaltens. Psychologie in Erziehung und Unterricht, 67, Preprint Online. https://dx.doi.org/10.2378/ peu2020.art08d.

Hascher, T., & Hagenauer, G. (2010). Lernen aus Fehlern. Bildungspsychologie, 377-381.

Hattie, J. (2020). The Visible LearningTM MetaX database. Retrieved from https://www.visiblelearningmetax.com/.

Hattie, J. & Timperley, H. (2007). The power of feedback. Review of Educational Research, 77, 81–112. https://doi.org/10.3102/003465430298487.

Köller, O. (2019). Die Rolle der Eltern für die fachspezifische Lern- und Leistungsmotivation im Fach Englisch. Vortrag auf der 17. Fachgruppentagung Pädagogische Psychologie, Leipzig.

Lohrmann, K. (2008). Langeweile im Unterricht. Münster: Waxmann.

Moroni, S., Dumont, H. & Trautwein, U. (2016). Keine Hausaufgaben ohne Streit? Eine empirische Untersuchung zu Prädiktoren von Streit wegen Hausaufgaben. Psychologie in Erziehung und Unterricht, 63, 107 – 121. https://dx.doi.org/10.2378/peu2016.art12d.

Oser, F., Hascher, T., & Spychiger, M. (1999). Lernen aus Fehlern Zur Psychologie des „negativen “Wissens. In Fehlerwelten (pp. 11-41). VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden.

Spörer, N., Seuring, V., Schünemann, N., & Brunstein, J. C. (2008). Förderung des Leseverständnisses von Schülern der 7. Klasse: Effekte peer-gestützten Lernens in Deutsch und Englisch. Zeitschrift für pädagogische Psychologie22(34), 247-259.

Stegmann K., Wecker C., Mandl H., Fischer F. (2018) Lehren und Lernen mit digitalen Medien. In: Handbuch Bildungsforschung. Springer Reference Sozialwissenschaften. Springer VS, Wiesbaden.

Tsivitanidou, O. E., Constantinou, C. P., Labudde, P., Rönnebeck, S., & Ropohl, M. (2018). Reciprocal peer assessment as a learning tool for secondary school students in modeling-based learning. European Journal of Psychology of Education33(1), 51-73.

Wollenschläger, M., Hattie, J., Machts, N., Möller, J. & Harms, U. (2016). What makes rubrics effective in teacher-feedback? Transparency of learning goals is not enough. Contemporary Educational Psychology, 44, 1–11. https://doi.org/10.1016/j.cedpsych.2015.11.003.