BLK-Programm
"Steigerung der Effizienz
des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts"

Mit dem neuen Schuljahr 1998/99 beginnt an 180 Schulen in 15 Bundesländern ein Programm zur Optimierung des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts. Das IPN übernimmt im Auftrag der Bund-Länderkommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung die Koordination und wissenschaftliche Betreuung für das Programm.

Die Bund-Länderkommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK) hat beschlossen, ein Modellversuchsprogramm zur Steigerung der Effizienz des mathematisch- naturwissenschaftlichen Unterrichts durchzuführen. In einem länderübergreifenden Netz von insgesamt 180 Schulen werden Maßnahmen zur Verbesserung der Qualität des mathematisch- naturwissenschaftlichen Unterrichts ausgearbeitet und erprobt. Das Programm ist auf eine Laufzeit von fünf Jahren angelegt.



Hintergrund des Programms: TIMSS-Befunde

Mit diesem Programm reagieren Bund und Länder unter anderem auf Befunde der TIMS-Studie, die starke öffentliche Resonanz gefunden haben. So zeigt der deutsche TIMSS-Bericht z.B., daß relativ große Anteile der Schülerinnen und Schüler hierzulande besondere Schwierigkeiten mit anspruchsvolleren Aufgaben und Problemstellungen haben, die konzeptuelles Verständnis voraussetzen. Die Leistungsheterogenität ist ungewöhnlich groß. In längsschnittlicher Betrachtung sind in Deutschland relativ geringe Kompetenzzuwächse über die Schulzeit zu verzeichnen.

Diese Befunde legen dringend Anstrengungen zur Weiterentwicklung des mathematisch- naturwissenschaftlichen Unterrichts nahe. Wie entsprechende Maßnahmen angelegt sein sollten, beschreibt ein Gutachten, das eine Expertengruppe unter Federführung von Prof. Dr. Jürgen Baumert (Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin) im Auftrag der BLK erstellte. Auch in dieser Expertengruppe war das IPN vertreten.

Zur Inhaltsübersicht

 

Das Gutachten zur Vorbereitung des Programms

Die Expertengruppe skizziert in diesem Gutachten zentrale Problembereiche des mathematisch- naturwissenschaftlichen Unterrichts. Sie bezieht sich auf den aktuellen Forschungsstand und eine zeitgemäße Konzeption von Allgemeinbildung. Curriculare Problemzonen betreffen demzufolge u.a. die unzureichende Kohärenz und Verknüpfung des Lehrstoffs im mathematisch- naturwissenschaftlichen Unterricht und die mangelnde Abstimmung zwischen den mathematisch- naturwissenschaftlichen Fächern. Das in Deutschland vorherrschende Muster eines fragend-entwickelnden Unterrichts bedingt, daß auf eine einzige richtige Lösung hin gearbeitet wird. Dieser Unterricht ist kognitiv anspruchsvoll, aber störanfällig. Das hierzulande gebräuchliche Unterrichtsskript vermischt Lern- mit Leistungssituationen; es legt den Schwerpunkt auf Routinisierungen und relativ kurzfristige Behaltensleistungen. Der wenig kumulative Unterricht in Mathematik und Naturwissenschaften behindert zudem das Erleben von Kompetenzzuwachs und beeinträchtigt die Entwicklung von sachbezogener Lernmotivation und Interesse. Als ein weiterer Problembereich wird das systematische Einführen in naturwissenschaftliches Arbeiten und Argumentieren und das Ausnutzen der Möglichkeiten naturwissenschaftlicher Experimente genannt.

 

Zur Inhaltsübersicht

Leitlinien des Programms

Zur Bearbeitung dieser Problemzonen schlägt die Expertengruppe vor, auf der Ebene der Schule anzusetzen und sich dabei auf die Verbesserung des Unterrichts zu konzentrieren. Durch das Programm sollen Prozesse der Qualitätssicherung und Optimierung von Lehren und Lernen in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern in Gang gesetzt und unterstützt werden. Das bedeutet, daß die Lehrkräfte gemeinsam Muster und Wirkungen ihrer Unterrichtsführung überdenken, Stück um Stück weiter entwickeln und in ihre Handlungsroutinen einbauen. Die Schulen und Lehrkräfte erhalten dazu Anregungen und Unterstützungen durch den Programmträger. Das Programm zielt damit nicht nur darauf ab, den mathematisch- naturwissenschaftlichen Unterricht zu optimieren. Zugleich sollen Maßnahmen zur Sicherung der Qualität des mathematisch- naturwissenschaftlichen Unterrichts selbstverständlich werden, zunächst an den beteiligten Schulen, auf lange Sicht aber über diesen Kreis hinaus.

Als Grundlage für den Einstieg in die Quallitätsentwicklung dienen sogenannte "Module", die im Gutachten beschrieben werden. Die Module beziehen sich auf eingeengte und konkretisierte Problembereiche des mathematisch- naturwissenschaftlichen Unterrichts. Aus diesem Angebotsspektrum können die Schulen Module zur Bearbeitung auswählen.

 

Zur Inhaltsübersicht

Zentrale Arbeitseinheiten: Module

Die inhaltlichen Schwerpunkte, die im Rahmen der Qualitätsentwicklung bearbeitet werden sollen, umfassen insgesamt 11 Module. Die im Gutachten der Expertengruppe nur knapp umrissenen Module stehen in einem abgestimmten Gesamtzusammenhang. Sie sind im Kontext von Zielen der mathematisch- naturwissenschaftlichen Grundbildung und von wissenschaftlich fundierten Prinzipien des Lehrens und Lernens zu interpretieren und zu konkretisieren. Dabei können und sollen die Schulen Besonderheiten ihrer lokalen und regionalen Bedingungen berücksichtigen, um für sie vordringliche Probleme zu bearbeiten.

Im einzelnen betreffen die Module folgende thematische Bereiche:

  1. Weiterentwicklung einer Aufgabenkultur im mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterricht
  2. Naturwissenschaftliches Arbeiten
  3. Aus Fehlern lernen
  4. Sicherung von Basiswissen - Verständnisvolles Lernen auf unterschiedlichen Niveaus
  5. Zuwachs von Kompetenz erfahrbar machen: Kumulatives Lernen
  6. Fächergrenzen erfahrbar machen: Fachübergreifendes und fächerverbindendes Arbeiten
  7. Förderung von Mädchen und Jungen
  8. Entwicklung von Aufgaben für die Kooperation von Schülern
  9. Verantwortung für das eigene Lernen stärken
  10. Prüfen: Erfassen und Rückmelden von Kompetenzzuwachs
  11. Qualitätssicherung innerhalb der Schule und Entwicklung schulübergreifender Standards

Bis zum Beginn des Programms werden am IPN ausführliche Erläuterungen zu diesen Modulen ausgearbeitet. Die Erläuterungen enthalten weiterführende Darstellungen der entsprechenden Problemzonen und des diesbezüglichen Forschungsstandes. Sie strukturieren den jeweiligen Problembereich aus der Sicht von Lehr-Lern-Forschung und Fachdidaktik; sie skizzieren Möglichkeiten der Bearbeitung und weisen auf eventuelle Schwierigkeiten hin. Die Erläuterungen geben zur Veranschaulichung auch Beispiele. Sie enthalten jedoch keine Vorschläge für Maßnahmen, die einfach übernommen und umgesetzt werden können.

Zur Inhaltsübersicht

 

Organisation des Programms

Grundprinzip ist die Zusammenarbeit von Lehrkräften. Sie beginnt innerhalb der Fachgruppe einer Schule, erstreckt sich dann über lokale Schule und längerfristig über das gesamt Netz der beteiligten Schulen. Die Lehrkräfte an den Schulen werden ihre Arbeitsvorhaben und Fortschritte dokumentieren, um Informationen für die Kooperationspartner bereit zu stellen. Die erarbeiteten Unterrichtsmaßnahmen sollen an den Schulen und in den Netzen erprobt und durch die Lehrkräfte evaluiert werden. Um einen Ausgleich für diesen beträchtlichen zusätzlichen Aufwand zu schaffen, erhalten die beteiligten Schulen Entlastungsstunden.

Die Arbeit der Schulen soll möglichst maßgeschneidert - lokal, regional oder überregional - koordiniert und unterstützt werden. Bei der regionalen Unterstützung werden die Schulaufsicht, die Landesinstitute und Fortbildungseinrichtungen der Länder zusammenwirken.

Der zentrale Programmträger (das IPN in Kiel) übernimmt die Aufgabe der fachlichen Koordination, der wissenschaftlichen Beratung im Bereich der Naturwissenschaften und in ihren Didaktiken sowie zu Fragen des Lernens und Lehrens, der Ergebnissicherung und der zentralen Koordinierung des Austausches zwischen den Schulen. Für die fachliche und fachdidaktische Betreuung im Bereich der Mathematik wird das Staatsinstitut für Schulpädagogik und Bildungsforschung (München) verantwortlich sein, das mit dem Lehrstuhl für Mathematik und ihre Didaktik (Prof. Dr. Peter Baptist) in Bayreuth zusammenarbeitet. Das Programm setzt also auf einen langfristigen, kontinuierlichen und letztlich professionellen Prozeß der Optimierung des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts, unter Anregung und Stützung von wissenschaftlicher Seite auf dem aktuellen Stand von Lehr-Lern-Forschung und Fachdidaktik.

Zur Inhaltsübersicht

 

Wissenschaftliche Begleitung

Im Blickpunkt der wissenschaftlichen Begleitung stehen zunächst die Prozesse und Bedingungen einer professionellen Selbstvergewisserung und Weiterentwicklung des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts. Die Koordinierungsstelle hat dafür Sorge zu tragen, daß alle Entwicklungsarbeiten dokumentiert, ausgetauscht und in verschiedener Hinsicht erprobt und evaluiert werden. Erst auf längere Sicht kann an summative externe Evaluationen von Wirkungen auf das Lernen und den naturwissenschaftlichen Bildungsstand gedacht werden. Die externe Evaluation wird der wissenschaftliche Beirat des Programms in Auftrag geben.

Für das IPN ist das BLK-Programm eine anspruchsvolle, zugleich äußerst reizvolle Herausforderung. Mit diesem BLK-Programm wird in verschiedener Hinsicht Neuland betreten. Es handelt sich hier um den ersten bundesweiten Modellversuch im Rahmen der neuen Modellprogrammförderung im allgemeinbildenden Bereich. Durch den Ansatz der Qualitätsentwicklung an Schulen mit wissenschaftlicher Unterstützung unterscheidet sich das Programm deutlich von vorangegangenen Modellversuchen im pädagogischen Bereich.

Bei einem ersten Treffen mit Vertreterinnen und Vertretern der beteiligten Schulen war klar zu spüren, daß alle Beteiligten das BLK-Programm als Chance begreifen, den mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterricht zu optimieren. Zu spüren war aber auch das Gefühl der Verantwortung, die gebotenen Möglichkeiten so zu nutzen, daß alle Schulen, Lehrkräfte und Schülerinnen wie Schüler von den Entwicklungen in absehbarer Zeit profitieren können.

Zur Inhaltsübersicht

 

Informationen zum Thema:

Professor Dr. Manfred Prenzel


[BLK-Startseite]