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Bildung in der digitalen Welt: Stellungnahme der Ständigen wissenschaftlichen Kommission der KMK

07. Oktober 2021

Die Ständige wissenschaftliche Kommission der KMK unter dem Vorsitz von Olaf Köller, Geschäftsführender Wissenschaftlicher Direktor des IPN, und Felicitas Thiel, Professorin an der Freien Universität Berlin, veröffentlicht heute ihre Stellungnahme zur Weiterentwicklung der KMK-Strategie „Bildung in der digitalen Welt“. Die Empfehlungen lauten:

Zur Stellungnahme 

 

Die Stellungnahme in Kürze:

Für die Entwicklung einer Strategie zur Bildung in der digitalen Welt ist es zentral, dass erstens Ziele definiert und Verfahren zur Überprüfung der Zielerreichung (Zielbereiche) abgestimmt werden, dass zweitens Kernprozesse (Lehr-Lerngelegenheiten) beschrieben werden, durch die diese Ziele erreicht werden können, und dass drittens die verschiedenen Unterstützungsprozesse (Ausbildung/Fortbildung/Fachberatung, Schulentwicklung, technische Infrastruktur, Forschung und Entwicklung) auf diese Kernprozesse bezogen werden. Daraus ergeben sich sechs Ansatzpunkte für Empfehlungen:

  • Zielbereiche von Bildung unter den Bedingungen der Digitalität
  • Gestaltung von Lehr-Lernprozessen zur Förderung mit Hilfe von digitalen Technologien.
  • Qualifizierung des pädagogischen Personals für den Einsatz digitaler Technologien.
  • Datengestützte Schulentwicklung für einen abgestimmten Einsatz digitaler Technologien.
  • Sicherstellung der technischen und infrastrukturellen Voraussetzungen.
  • Schaffung von Strukturen für eine forschungsbasierte Entwicklung digitaler Technologien.

 

1. Bildungsziele und Kompetenzen unter Bedingungen der Digitalität definieren, operationalisieren und überprüfen!

Im Einzelnen empfiehlt die Ständige wissenschaftliche Kommission:

  • Für den allgemeinbildenden Bereich eine bessere Abgrenzung von fachspezifischen, informatischen und informationsbezogenen Zielen, so dass drei unterscheidbare Kompetenzbereiche definiert und adressiert werden.
  • Die Einleitung eines Prozesses der Definition und Operationalisierung informatischer Kompetenzen, ergänzend zu den bereits existierenden Kompetenzmodellen, der auch eine Klärung des Stellenwerts der Informatik in den Stundentafeln der Länder umfasst.
  • Die Weiterentwicklung der Gesamtstrategie der KMK zur Qualitätssicherung im Bildungswesen hinsichtlich der Erfassung der drei Kompetenzbereiche in Large-scale Assessments. Dabei sollten auch Aufgabenformate des IQB-Bildungstrends und Vergleichsarbeiten so weiterentwickelt werden, dass die Nutzung digitaler Werkzeuge zu ihrer Beantwortung erforderlich wird und dass die in den weiterentwickelten Bildungsstandards fachbezogen definierten digitalen Kompetenzen miterfasst werden.
  • Eine Ergänzung der Länderverordnungen über Klassenarbeiten und zentrale Abschlussprüfungen um Ausführungen zur obligatorischen Nutzung digitaler Werkzeuge bei der Aufgabenbearbeitung.

 

2. Kompetenzentwicklung von Lernenden durch digital gestützte Prozesse des Lehrens und Lernens fördern!

Im Einzelnen empfiehlt die Ständige wissenschaftliche Kommission:

  • Die Entwicklung und Evaluation didaktischer Konzepte für die Einbettung digitaler Medien im Unterricht unter Berücksichtigung der Erkenntnisse der allgemeindidaktischen, lernpsychologischen, medienpädagogischen und fachdidaktischen Forschung zu lernwirksamen Merkmalen des Unterrichts.
  • Die Entwicklung und Evaluation frühpädagogischer Konzepte für die Einbettung digitaler Medien in der frühen Bildung unter Berücksichtigung der frühpädagogischen Forschung zu Merkmalen anregender Lerngelegenheiten.
  • Den fachdidaktisch treffsicheren Einsatz digitaler Medien im Rahmen von Lehr-Lern-Szenarien, z. B. zur kognitiven Aktivierung und zur Übung von Fertigkeiten.
  • Die Entwicklung und Implementation digital unterstützter Verfahren zur formativen und summativen Diagnostik inklusive adaptivem Feedback in Verbindung mit Strategien und Förderung - insbesondere von Schülerinnen und Schülern sowie Kitakindern mit besonderem Unterstützungsbedarf.
  • Die verstärkte Nutzung digitaler Technologien und Materialien (z. B. Simulationen, interaktive Visualisierungen) und digital unterstützter kollaborativer Arbeitsformen zur gezielten Förderung des Verständnisses von Prozesszusammenhängen und Interdependenzen sowie eines systemischen und vernetzten Denkens und Wissens.
  • In der beruflichen Bildung: Die Nutzung digitaler Technologien zum Zusammenwirken der Lernorte und besseren Verknüpfung betrieblichen und berufsschulischen Lernens, fachlichen und überfachlichen Lernens und ggf. einer systematischen Einbindung eines dritten Lernorts (z. B. überbetrieblicher Träger).
  • Die Entwicklung digital unterstützter Verfahren zur Feststellung von Lern- und Leistungsfortschritten unter Beachtung des konstruktiven Alignments von Lern- und Prüfungskultur.
  • In der beruflichen Bildung: Weiterentwicklung der kompetenzorientierten Abschlussprüfungen in der dualen und vollzeitschulischen beruflichen Ausbildung, die auch digitalisierungsbezogene Bestandteile beruflicher Fachkompetenz einschließen, und für die digitale Testumgebungen und Tools genutzt werden, um Authentizität und Validität der Abschlussprüfungen zu erhöhen.
  • Die Implementierung der weiterentwickelten Bildungsstandards in den Unterricht in einem länderübergreifend abgestimmten Prozess sowie die Entwicklung einer Strategie zur Unterstützung von Schulen, die Umsetzungsschritte und Verantwortlichkeiten definiert.
  • Die Formulierung forschungsbasierter Ansätze für einen lernförderlichen Informatikunterricht sowie die Entwicklung von Unterrichtseinheiten und Unterrichtswerkzeugen, mit denen informatische Kompetenzen vermittelt werden können.

 

3. Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte für eine lernwirksame Nutzung digitaler Technologien professionalisieren!

Im Einzelnen empfiehlt die Ständige wissenschaftliche Kommission:

  • Die flächendeckende und systematische Verankerung des Themas Digitalisierung in allen drei Phasen der Lehrkräftebildung für allgemeinbildende und berufliche Schulen sowie in der Ausbildung pädagogischer Fachkräfte.
  • Die Konzeption von Fortbildungsangeboten auf der Basis wissenschaftlicher Befunde zu effektiven Fortbildungen, die Input-, Erprobungs- und Reflexionsphasen umfassen und insbesondere auf die fachdidaktisch treffsichere Einbindung der digitalen Technologien in den Unterricht und in die frühpädagogische Praxis ausgerichtet sind.
  • Die (kontinuierliche) Qualifizierung des Personals in der Aus- und Fortbildung (Train-the-Trainer).
  • Den systematischen Einbezug von sozialen, ethischen und ökonomischen Fragen der Digitalisierung in Fortbildungsangebote. Dazu gehören z. B. Fragen der Veränderung von Kommunikations- und Entscheidungsprozessen oder der Veränderungen der betrieblichen und überbetrieblichen Organisation von Arbeit.
  • Die verstärkte Nutzung der Potenziale digitaler Technologien für die Lehrkräfteaus- und -fortbildung sowie für die Ausbildung pädagogischer Fachkräfte (z. B. digitale Self-Assessments zur Überprüfung der Kompetenzen; Simulationen und Augmented Reality zur Förderung von Handlungs(vorläufer)kompetenzen) und die verstärkte Entwicklung und Implementation zeitlich und räumlich flexibler Angebote.
  • In der beruflichen Bildung: Die Entwicklung und Implementation gemeinsamer digitalisierungsbezogener Fortbildung von Berufsschullehrkräften, betrieblichem und überbetrieblichem Personal.
  • Die Weiterentwicklung von digitalen Plattformen, die Unterrichtsvideos, Konzepte und Materialien für Zwecke der Fortbildung sammeln, indexieren und dem Personal in der Aus- und Fortbildung von Lehrkräften und pädagogischen Fachkräften zugänglich machen (z. B. Metavideoportal).

 

4. Technologiegestütztes Lehren und Lernen durch eine datenbasierte Schulentwicklung unterstützen!

Im Einzelnen empfiehlt die Ständige wissenschaftliche Kommission:

  • Die Ergänzung der Referenz-, Handlungs- bzw. Qualitätsrahmen der Länder um Indikatoren einer lernförderlichen, digitalisierungsbezogenen Schulentwicklung, sofern dies nicht bereits erfolgt ist.
  • Die Schaffung von schulischen Funktionsstellen im Schnittfeld von mediendidaktischen, fachdidaktischen und informationstechnischen Kompetenzen zur Koordination der Medienbildungskonzepte und der Gewährleistung eines Basissupports.
  • Die Bereitstellung von Unterstützungsangeboten für Schulleitungen und Leitungen von Kitas zur Formulierung und Implementation von Medienbildungskonzepten sowie zur Auswahl geeigneter digitaler Technologien (z. B. Handreichungen und Beratung).
  •  Die verstärkte Nutzung digitaler Technologien und Materialien zur Zusammenarbeit mit Bildungspartnern (z. B. Eltern) in der frühen Bildung sowie in der Schule und in der beruflichen Bildung vor allem mit den betrieblichen und überbetrieblichen Partnern.
  • Die digitale Aufbereitung und Bereitstellung von Daten für Schulleitungen und Schulaufsicht bzw. Kitaleitungen und Kitaaufsicht auf der Grundlage eines Informationsmanagementkonzepts, das zentrale Indikatoren und Kennwerte definiert und die Einbettung der Datenrückmeldung in transparente und partizipative Verfahren der Qualitätsentwicklung.

 

5. Leistungsfähige technische Infrastruktur und zuverlässigen Support sicherstellen!

Im Einzelnen empfiehlt die Ständige wissenschaftliche Kommission:

  • Den raschen flächendeckenden Ausbau einer stabilen IT-Infrastruktur, insbesondere hinsichtlich der Gewährleistung einer durchgehenden Vernetzung mit ausreichender Bandbreite, die Bereitstellung von Lernplattformen sowie die Ausstattung der Schulen und Kitas mit ausreichenden Serverkapazitäten und Endgeräten.
  • Die Sicherstellung einer Ausstattung mit Endgeräten bei Schülerinnen und Schülern aus bildungsbenachteiligten Haushalten entsprechend den Prüfverfahren zur Befreiung von der Lernmittelzuzahlung.
  • Die Sicherstellung des barrierefreien Zugangs zu digitalen Technologien und Materialien für alle Schülerinnen und Schüler im Sinne inklusiver Bildungsangebote und digitaler Teilhabe.
  • Die Etablierung verlässlicher Unterstützungsstrukturen durch die Schaffung von IT-Supportstellen für Beschaffungs-, (Fern-)Wartungs-, Controlling- und Supportaufgaben bei den Schulträgern sowie längerfristige vertraglichen Vereinbarungen zur Wartung von Endgeräten und Schulservern mit Herstellern.
  • Die Entwicklung von Handreichungen für die Schulträger zur Formulierung von Medienentwicklungskonzepten sowie Prozessbeschreibungen zur Beschaffung, Wartung, Controlling und Support.
  • Entwicklung einer länderübergreifenden Struktur zur Verknüpfung von Plattformen, die die entwickelten digitalen Technologien und Werkzeuge als Open Educational Ressources bereitstellen.

 

6. Strukturen für eine forschungsbasierte Entwicklung und Implementation digitaler Unterrichtstechnologien aufbauen!

Im Einzelnen empfiehlt die Ständige wissenschaftliche Kommission:

  • Die Entwicklung einer Strategie zur Förderung von Forschung und Entwicklung digitaler Technologien und Werkzeuge in der Abstimmung von Bund (BMBF) und Ländern, die Schnittstellen zur Praxis auf der einen Seite und zu Softwareunternehmen sowie Verlagen auf der anderen Seite einbezieht.
  • Die Etablierung von Strukturen der Forschung, Entwicklung und Implementation, in denen fachdidaktische, lernpsychologische und bildungswissenschaftliche Forschung und Praxis langfristig zusammenwirken. Dies kann beispielsweise durch die Einrichtung von digitalen Klassenzimmern in den digitalen Kompetenzzentren erfolgen.
  • Die ländergemeinsame Entwicklung von Zertifizierungsverfahren und -strukturen für digitale Technologien und Werkzeuge zum Einsatz in der vorschulischen, schulischen und beruflichen Bildung auf der Grundlage fachdidaktischer, lern- und medienpsychologischer, informationstechnischer und medienethischer Standards.